Ladungssicherung

Ladungssicherung: Systeme richtig auswählen und berechnen

Ladungssicherung ist in der Praxis keine Ermessensfrage, sondern ein physikalisch und normativ streng geregelter Prozess. Bei der Auswahl der passenden Sicherungsmittel reicht es nicht aus, sich allein am Gewicht der Ladung zu orientieren. Die wirkenden Kräfte beim Bremsen, Beschleunigen oder in Kurven erfordern ein genau abgestimmtes System aus Zurrgurten, Zurrketten und reibungserhöhendem Zubehör. Eine fehlerhafte Auslegung führt nicht nur zu Transportschäden, sondern stellt ein massives Haftungs- und Sicherheitsrisiko dar.

Entscheidungshilfe: Welches Sicherungsmittel für welche Anwendung?

Die Wahl der passenden Produktgruppe hängt maßgeblich von der Art der Ladung, den Zurrpunkten am Fahrzeug und dem angewandten Zurrverfahren (Niederzurren oder Direktzurren) ab.

  • 2-teilige Zurrgurte (Textil): Die Standardlösung für das Niederzurren von palettierter Ware, Kisten oder flexiblen Ladegütern. Sie schonen die Oberfläche, erfordern jedoch bei scharfen Kanten zwingend zusätzliche Schutzmaßnahmen.
  • 1-teilige Zurrgurte: Werden zum Bündeln von Ladung (Umreifung) genutzt. Sie verfügen über keine Haken und eignen sich nicht zum Abspannen an den Zurrpunkten des Fahrzeugs.
  • Zurrketten: Die technisch überlegene Wahl für schwere Baumaschinen, Stahlträger oder scharfkantige Betonteile. Sie kommen vorrangig beim Direktzurren (Diagonalzurren) zum Einsatz, wo hohe Zugkräfte (LC) gefordert sind und textile Gurte durch Kantenreibung verschleißen würden.
  • Antirutschmatten und Kantenschutz: Ergänzendes, aber oft sicherheitskritisches Zubehör. Sie verändern die physikalischen Grundvoraussetzungen der Sicherung maßgeblich zu Ihren Gunsten.

Technische Auswahlkriterien: Mehr als nur das Gewicht

Für eine normgerechte Berechnung (z. B. nach EN 12195) und die praktische Auswahl müssen bestimmte Spezifikationen bekannt sein und richtig interpretiert werden:

  • STF (Standard Tension Force) vs. LC (Lashing Capacity): Beim Niederzurren (die Ladung wird auf die Ladefläche gepresst) ist nicht die Reißfestigkeit (LC) entscheidend, sondern die Vorspannkraft (STF), die über den Ratschenspanner aufgebaut werden kann. Wer niederzurrt, muss auf eine hohe STF achten. Beim Direktzurren (Ladung wird an Fixpunkten gehalten) ist hingegen die LC der maßgebliche Wert.
  • Der Reibwert (µ): Die Reibung zwischen Ladung und Ladefläche trägt einen Großteil der Sicherung. Stahl auf Holz hat einen sehr geringen Reibwert. Durch den Einsatz von zertifizierten Antirutschmatten lässt sich der Reibwert drastisch erhöhen (oft auf µ = 0,6). Das reduziert die Anzahl der benötigten Zurrgurte beim Niederzurren erheblich.
  • Der Zurrwinkel (α): Beim Niederzurren muss der Winkel zwischen Ladefläche und Zurrmittel idealerweise nahe 90° liegen. Je flacher der Winkel (unter 35°), desto weniger Vorspannkraft wirkt tatsächlich vertikal auf die Ladung. Flache Winkel machen das Niederzurren nahezu wirkungslos.

Häufige Fehler und Risiken in der Praxis

In der betrieblichen Praxis sehen wir häufig Situationen, in denen die Ladungssicherung zwar optisch vorhanden, technisch jedoch unzureichend ist.

  • Fehler 1: Niederzurren bei zu flachem Zurrwinkel. Wenn flache, breite Ladungen niedergezurrt werden, ist der Winkel oft so gering, dass kaum Anpressdruck entsteht. Die Vorspannkraft der Ratsche verpufft. Bessere Lösung: Ist der Winkel zu flach, muss auf Direktzurren umgestellt oder die Reibung durch Antirutschmatten maximiert werden.
  • Fehler 2: Fehlender Kantenschutz bei textilen Gurten. Scharfe Kanten – dazu zählen auch raue Betonoberflächen – zerschneiden Zurrgurte unter Last oder blockieren das Gleiten des Gurtes, sodass die Vorspannkraft nicht auf der gegenüberliegenden Seite ankommt. Risiko: Plötzlicher Riss des Gurtes während der Fahrt.
  • Falsche Anwendung: Textile Gurte für schweren Stahlbau. Wenn tonnenschwere, scharfkantige Maschinenteile oder Stahlträger gesichert werden müssen, stoßen Gurte an ihre Grenzen. Alternativlösung: Hier ist der Wechsel zu hochfesten Zurrketten mit Ratschlastspannern technisch geboten, da diese unempfindlich gegen Kantenbelastung und Dehnung sind.

Häufige Fragen vor Kauf oder Freigabe (FAQ)

Welche Angaben werden für die richtige Auslegung der Ladungssicherung benötigt?
Für eine korrekte Auswahl müssen Sie das Gewicht und die Abmessungen der Ladung, den Reibwert zwischen Ladung und Boden (Materialpaarung), die verfügbaren Zurrpunkte (Festigkeit) sowie das geplante Zurrverfahren kennen.

Was passiert, wenn Zurrgurte beschädigt sind?
Dürfen diese repariert werden?Nein. Tragende textile Anschlag- und Zurrmittel dürfen nicht geknotet oder repariert werden. Bei Einschnitten im Gewebe (mehr als 10 % an der Kante), beschädigten Nähten, verformten Haken oder unleserlichem Etikett ist der Gurt zwingend abzulegen.

Wann ist eine Zurrkette einem Zurrgurt vorzuziehen?
Zurrketten sind immer dann die bessere Wahl, wenn direkt gezurrt wird, extrem hohe Zugkräfte (LC) erforderlich sind, die Ladung sehr scharfe Kanten aufweist oder die Sicherungsmittel starker Verschmutzung und Witterung (z. B. auf Tiefladern im Baumaschinentransport) ausgesetzt sind.

Muss die Ausführung für diese Anwendung gesondert freigegeben sein?
Zurrmittel müssen ein gut lesbares Typenschild (Etikett oder Plakette) aufweisen, das EN-Norm (z.B. EN 12195-2 für Gurte, EN 12195-3 für Ketten), LC, STF und Dehnung ausweist. Ohne dieses Etikett ist das Mittel für die Ladungssicherung im Straßenverkehr unzulässig.

Fachberatung für Ihre Ladungssicherung

Der schmale Grat zwischen Scheinsicherheit und normgerechter Ladungssicherung erfordert präzise Planung. Sind Zurrverfahren, benötigte Vorspannkräfte oder die passende Ausführung für Ihre Fahrzeuge und Ladegüter noch nicht eindeutig? Dann prüfen unsere Fachberater mit Ihnen, welche Kombination aus Gurten, Ketten und Zubehör technisch und wirtschaftlich zu Ihrer Anwendung passt.

Kontaktieren Sie uns unter +49 211 38789511 oder über info@hebetechnik-experte.de.